Montag, 25. Juli 2016

REZENSION I ISOLA VON ISABEL ABEDI

Arena  I  328 Seiten  I  7,99€  I  Taschenbuch  I  Jan. 2013

"Er war wie jedes Jahr um diese Zeit der einzige Mensch im Garten des Evangelischen Klinikums in Berlin. Es war sechs Uhr morgens, am Himmel stand noch der Mond und die kleinen Scheinwerfer auf der Wiese funkelten wie wachsame Augen. Aus einem der Fenster drang leise klassische Musik. Lauschend wandte er den Kopf. La Mer, von Debussy. Er lächelte, als wäre die Musik ein Zeichen, und das war sie ja auch. Langsam ging er auf den weißen Marmorengel zu. Die kleine Statue stand im hinteren Winkel des Gartens vor der Birke, an deren Zweigen sich die letzten Blätter festhielten. Ihm schien, als wären es in diesem Jahr noch weniger Blätter als sonst. Behutsam wickelte er die Orchidee aus dem braunen Papier und legte sie dem weißen Marmorengel in die steinernen Hände. Der Engel lächelte nicht."
Ich hätte weglaufen können. Noch heute spukt dieser Gedanke oft durch meinen Kopf. Ich hätte mich heimlich von der Gruppe entfernen können, genügend Gelegenheiten hatte es gegeben. Aber hätte das etwas geändert? Wäre das Projekt abgebrochen worden? Wäre vielleicht kein Blut geflossen? Es ist so sinnlos, sich diese Frage zu stellen, mein Verstand weiß das. Aber die Fragen wissen es nicht. Sie kommen ohne vorher anzuklopfen und sich zu erkundigen, ob es gerade passt.
(Quelle Text und Bild: Arena)
Das Cover hat mir gut gefallen und für mich ist es ein richtiger Blickfang. Auch haptisch macht es was her, da der Buchumschlag aus einem sehr rauen Material besteht und die Schrift, wie auch der Aufdruck hervor gehoben sind. Auch spielt dieser kleine Ausschnitt einer Insel, den man durch eine Linse sieht perfekt auf den Inhalt des Buches an.
Der Einstieg wiederum fiel mir nicht allzu leicht. Zu Anfang bekommt man einen kurzen Ausschnitt eines Unbekannten, den man immer mal wieder im Verlauf der Geschichte treffen wird. Mich hat es immer etwas verwirrt und ich hatte zwischendurch immer wieder andere Vermutungen, wer dieser Unbekannte sein könnte, doch erst der Schluss eröffnet einem den Sinn des Ganzen. Die eigentliche Geschichte wird von Vera in einer Rückblende erzählt. 

"Zwölf Jugendliche. Eine einsame Insel.
Drei Dinge, die sie mitnehmen dürfen. Und unzählige Kameras, die sie beobachten..."

Vom Schreibstil her war es sehr angenehm zu lesen, da es weder zu hochtrabend noch zu plump geschrieben ist. Ich denke, man hätte es etwas kürzer halten können, da die Story immer mal wieder ins stocken kam und sich gezogen hat, wie Kaugummi.
Auf der Insel haben wir es mit 12 grundverschiedenen Charakteren zu tun. Natürlich geht es vor allen Dingen um Vera, jedoch hat ein Protagonist es mir selten so schwer gemacht ihn zu verstehen und mich mit ihm zu identifizieren. Vera war mir zu keiner Zeit unsympathisch, aber auch nicht unbedingt das Gegenteil. Sie ist ein sehr verschlossener Charakter, der auch nicht viel mit den anderen in Kontakt tritt, sondern eher ein stiller Beobachter ist. Man taucht in Veras Gedanken ein und erfährt so einiges über die anderen Teilnehmer. Nur über Vera erfährt man nicht viel. Hier und da bekommt man einpaar Gedankenfetzen, die sich durch eigenes Interpretieren und den weiteren Verlauf erst logisch zusammen setzen. Ich hatte immer eine gewisse Distanz zu ihr, was ich sehr schade fand. Ich hatte beim Lesen oft das Gefühl, das Geschehen durch eine Art Nebel oder Schleier wahr zunehmen.
"Joy war der Name, den Erika und Bernhard für mich gewählt hatten, aber zu einer Joy war ich nicht geworden. Mein Geburtsname war Vera und zu diesem Namen würde ich nun zurückkehren."
Das Setting war ein Traum! Die Insel war immer präsent, da sie wunderbar beschrieben wurde und immer wieder in die Geschichte mit einfloss. Beim Lesen hörte ich immer das Meeresrauschen, spürte die heiße Sonne auf der Haut, den Geschmack der Früchte hatte ich auf der Zunge und hörte die Vögel singen. Die Story fing erst etwas verwirrend an, weckte jedoch meine Neugierde und dümpelte dann wieder vor sich hin. Unerwartete Wendungen brachten Spannung in das Ganze, doch immer wieder flachte es ab und ich hatte wirklich zwischendurch überlegt das Buch abzubrechen, doch ich wurde von anderen Bloggern ermuntert weiter zu lesen und wurde belohnt. Es entwickelte sich zu einem richtigen Pageturner! Ich möchte hier nicht weiter auf den Inhalt eingehen, da ich dich sonst Spoilern würde. Es gab besonders zu Schluss soviel unvorhergesehenes in diesem Buch, womit ich nie gerechnet hatte, als ich den Klappentext zum ersten Mal gelesen habe. 
Die Story kommt zu einem guten Abschluss, sodass nichts offen bleibt und alle Fragen geklärt sind. Mich hat es vollends zufrieden dieses Buch zuschlagen und mit einem guten Gefühl zurück gelassen.
Dieser Jugendroman ist nicht ganz einfach. Es hat einen aufgewühlt und wieder beruhigt, die Neugierde geweckt und doch im Regen stehen lassen. Es ist ein kleiner Schatz, wo ich gelernt habe zwischen den Zeilen zu lesen.


Kommentare:

  1. hey,
    also ich schreibe jetzt einfach nochmal meinen Kommentar ;)
    Also ich finde, dass man bei manchen Rezensionen ein bisschen wegen der Länge zurückschreckt aber wenn man sie liest muss man sie einfach zu Ende lesen, da du es echt gut schreibst. Ich finde es eigentlich gar nicht so unüblich die Länge wenn ich mir jetzt auch meinen neuesten Beitrag angeschaut habe. es ist eben so, dass man bei einem Buch über viele verschiedene Dinge schreiben kann und es deshalb eben auch länger wird wenn man sich immer in eins vertieft. Aber das finde ich persönlich gar nicht schlimm. So das war es eigentlich zu deinen Rezensionen. Deine Website ist auch ziemlich schlicht und geordnet was ich sehr gut finde aber was ich im ersten Moment gesucht habe war eine Auflistung deiner Rezensionen. Natürlich ist es links nach dem Monat geordnet aber ich finde, dass es dir selber vielleicht auch einen besseren Überblick über deine Buchrezensionen gibt und welche du aus der Reihe vielleicht noch rezensieren musst. Jedenfalls hilft mir das wirklich sehr.
    Vlg
    Chiara

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    1. Hi Chiara,

      danke für deine ehrliche Meinung! Ich finde auch, dass es zu manchen Büchern einfach soviel zu sagen bzw. zu schreiben gibt. Ich bin halt kein Fan von fünf Sätze Bewertungen ;)

      Meine Rezensionen habe ich unter dem Menüpunkt 'Rezensionen Index' gesammelt, hattest du den entdeckt?

      LG, Ninchen

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